Leben, lernen, lieben, helfen
Ein Essay zur Frage: „Was ist der höhere Zweck meines Lebens?“
von Susanne Sinir (13. Jahrgang, Schuljahr 2025/26), 26.01.2026
Das wohl bekannteste Zitat von Konfuzius - „Der Weg ist das Ziel.“ - ist für mich der Wegweiser, wenn ich an einen höheren Zweck denke.
Wenn ich zurückblicke und sehe, wie sehr
ich mich verändert habe, spüre ich Stolz. Und das ist für mich ein
persönliches Glück. Keine materiellen Sachen könnten die Euphorie von
innerem Frieden oder Stolz für sich selbst nachahmen. In meinem Leben
habe ich vieles falsch gemacht, Verrat geschmeckt und verstanden, wie
gefährlich Gefühle doch sein können, und auch wenn es sehr verlockend
war, habe ich nie aufgegeben. Ich habe die Lektion, die Gott mir
geschickt hat, reflektiert, analysiert und daraus gelernt. Das Lernen
in meinem Leben hört auch nie auf, da mein sterbliches menschliches
Leben dafür gedacht ist: Gebete lernen, lieben lernen, andere
Denkweisen oder Religionen lernen. Das Lernen im Leben hört niemals
auf, angefangen in der Schule bis weit ins Erwachsenenleben. Die
Gesellschaft entwickelt sich immer mehr und mehr, neue Denkweisen,
Philosophien und Interpretationen von Gott werden geboren, und diese
zu verstehen, darüber zu reflektieren und in Gemeinschaft zu
diskutieren, das ist ein persönliches Glück. Im Yezidentum wird uns
gepredigt, jede Religion ist eine Interpretation von Gott und jeder
Gläubige ist unser Bruder, lernt voneinander, um miteinander in
Harmonie zu leben. Diese Predigt hat mir wunderbare und liebevolle
Freundschaften geschenkt, in denen ich das Privileg habe, von anderen
Gläubigen zu lernen.
Die weitere Predigt, die für mich ein
persönliches Glück ist, ist die der Nächstenliebe. Jeder Yezide hat
die Aufgabe, seinen Nachbarn wie seinen Bruder zu lieben, was zuerst
wie etwas Anstrengendes wirkt, bis man es umsetzt. Die Gemeinschaft
und die Liebe, die daraus entsteht, die Dankbarkeit, die einem gezeigt
wird, die Gebete, die für einen gemacht werden, das Gefühl von
Erfüllung, welches man erfährt, indem man anderen hilft. Das alles ist
ein Glück, welches schwer zu fassen ist. Meine Religion bietet mir
Gebote, die mein Leben verschönern und mir Liebe zeigen, es ist mein
größtes Glück im Leben. Natürlich hatte ich diese Denkweise nicht
immer. In jüngeren Jahren hatte ich mich aus Desinteresse von meiner
Religion distanziert und hab nur gelebt. Mit dem Wissen, dass Gott an
meiner Seite steht und ich beschützt werde, lebe ich das Leben mit
Nachdenklichkeit und Intention, ich sage ein Dankgebet auf, wenn mir
Glück widerfährt, ich besänftige mich in schweren Situationen mit dem
Wissen, dass Gott mich liebt und mir nichts auf den Weg schicken
würde, was nicht zu meinem besten Interesse ist. Jede Lektion, die ich
überstehen musste, wurde aus Liebe geschickt, damit ich als Person
wachse und reifer werde. Ein Glück, welches schwer umzusetzen ist, ist
das der Selbstliebe. Sich selbst zu lieben und ohne Scham durch das
Leben zu gehen, ist eine Hürde, neben dem der Mount Everest wie ein
Hügel aussieht. Seinen Wert anzuerkennen und sich zu akzeptieren war
eine der für mich schwersten Aufgaben meines Lebens, aber auch die
Aufgabe, die mein Leben immens verbessert hat. Ohne Scham und
selbstbewusst mich selbst zu lieben, mit dem Wissen, dass mir dies
niemand nehmen kann, das ist ein persönliches Glück.
Mein Glück basiert aber auch auf meiner
Zukunft und den Träumen, die ich für diese Zukunft habe. Ich träume
von einer glücklichen Familie und einem Partner, mit dem jede schöne
Zeit noch schöner wird und der mir in schweren Zeiten mein Leben
vereinfacht. Ich träume auch von Kindern, seien es leibliche oder
adoptierte, und irgendwann Pflegemutter zu werden. Ich hoffe auf eine
Karriere, die mich erfüllt, mit der ich Menschen helfen kann, was ich
durch mein duales Studium hoffentlich schon erreicht habe.
All diese Punkte, die ich gerade erwähnt
habe, sehe ich als meinen höheren Zweck. Dieses Leben ist voller
Lektionen und Bestrafungen, aber auch voll mit Liebe und Freude, und
genau dies ist das, was ich verbreiten will. Ich sehe meinen
gottgegebenen Zweck in der Verbreitung dieser Liebe und Leidenschaft,
die ich in mir trage. Ich brenne für Politik und Gerechtigkeit und
fühle mich erfüllt, wenn ich einer Person helfen konnte oder nur Rat
teilen konnte. Ich fühle mich oft auch sehr mütterlich gegenüber
Menschen, die ich liebe oder die Hilfe oder Rat brauchen, weswegen ich
auch sehr gerne Mutter werden will. Ich erhoffe mir, Kinder zu
erziehen, die ihr Leben damit verbringen, etwas zur Gesellschaft
beizutragen und Liebe zu verteilen, so wie das auch mein Ziel ist. Ich
hoffe, Kinder aus schlechteren Verhältnissen aufnehmen zu können und
ihnen ein schöneres und besseres Leben zu geben. Ich hoffe, als Person
so erfüllt zu sein, dass ich anderen helfen kann, um denen die
Schönheit dieses Lebens zu zeigen.
Somit sehe ich den Zweck meines Lebens in
dem Leben, das ich lebe. Es gibt kein magisches Ziel irgendwo in
meinen Lebensjahren, das Ziel ist es, zu leben. Ich muss Fehler
machen, um aus ihnen zu lernen und um die Weisheit, die ich aus der
Lektion gelernt habe, zu verteilen. Ich muss leidenschaftlich durchs
Leben gehen und das Leben, welches Gott mir geschenkt hat, ausnutzen
und lieben. Der höhere Zweck meines Lebens ist das Leben, welches ich
lebe.
