250 Jahre amerikanische Unabhängigkeitserklärung
Kein Grund zur Erinnerung?
Im kommenden Jahr feiern die USA - noch die größte Demokratie der Welt - das 250. Jubiläum ihrer Unabhängigkeitserklärung. Am 4. Juli 1776 sagten sich die britischen Kolonien in Nordamerika vom Mutterland los. Die Gründe für diesen Bruch legten die Vertreter der 13 Territorien in einer historischen Erklärung dar, die mit den berühmten Worten "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness." beginnt. Schon einen Tag später erschien der übersetzte Text in der deutschsprachigen Zeitung Pennsylvanischer Staatsbote in Philadelphia: "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit." [1]
Erstaunlicherweise findet sich weder im Briefmarkenprogramm der Deutschen Post AG noch im Münzprogramm der Münze Deutschland für 2026 zu diesem weltgeschichtlichen Ereignis ein Beitrag. Es wird also weder ein Sonderpostwertzeichen noch eine Gedenkmünze zum Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung geben.
Vor
50 Jahren sah das noch etwas anders aus. Am 13. Mai 1976 gab die
Deutsche Bundespost eine Gedenkbriefmarke zum 200. Jahrestag der
amerikanischen Unabhängigkeit heraus. Gleichzeitig wurde mit der Marke
einer Persönlichkeit gedacht, die für die Geschichte beider Staaten
von besonderer Bedeutung und die auf der Marke abgebildet ist: Carl
Schurz.
Auf der Rückseite des Ersttagsblattes mit der Nummer 15/1976 gab es dazu auch einen längeren Erklärungstext, für den das Auswärtige Amt in Bonn verantwortlich zeichnete. Ein Autor bzw. eine Autorin wird leider nicht namentlich genannt. In dem Beitrag wird nicht auf die Unabhängigkeitserklärung eingegangen, sondern das Leben des "wohl bedeutendste(n) Deutsch-Amerikaner(s)" gewürdigt. Nach dem einleitenden Absatz zur gescheiterten Revolution von 1848/49 heißt es dort weiter:
Viele politische Bestrebungen in Amerika zwischen dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Jahrhundertwende sind von Carl Schurz wesentlich mitgestaltet worden; er hatte maßgeblichen Anteil an der vom Mittleren Westen ausgehenden Bewegung zur Sklavenbefreiung, als Brigadegeneral der Unions-Truppen trat er nach dem Bürgerkrieg für größere Milde gegenüber den besiegten Südstaaten ein, er war bestrebt, für die Indianer ein größeres Maß von Gerechtigkeit und humaner Behandlung zu erreichen, und er gehörte zu den Kritikern der Ausdehnung des amerikanischen Machtbereichs auf Kuba und den Philippinen.
Nach der abenteuerlichen Befreiung seines Lehrers, des Professors Gottfried Kinkel, aus einem Gefängnis in Spandau, die ihn in ganz Europa berühmt machte, ging er 1852 nach New York und erwarb 1857 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zunächst Farmer, Anwalt und Journalist, wandte er sich der aktiven Teilnahme an der amerikanischen Innenpolitik zu, trat der neugegründeten Republikanischen Partei bei und unterstützte erfolgreich den Wahlkampf des späteren Präsidenten Abraham Lincoln. Nach einem kurzen diplomatischen Zwischenspiel als Gesandter in Spanien nahm Schurz als Divisionskommandeur an mehreren Schlachten des Bürgerkrieges teil. Als erster deutschstämmiger Amerikaner wurde er 1869 in Missouri zum Senator gewählt und von Präsident Rutherford B. Hayes (1877–81) als Innenminister in die Regierung berufen. In seinem Kabinettsamt widmete er sich der Schaffung einer modernen Staatsverwaltung mit Berufsbeamten und wandte sich gegen das System der Ämterpatronage. Er bemühte sich insbesondere um die Integrierung der Indianer in die amerikanische Gesellschaft. Darüber hinaus sorgte er als einer der ersten für den Schutz der Umwelt, indem er ein Programm zur Erhaltung von Wäldern und Naturschönheiten schuf.
Anders als viele andere »Forty-Eighters«, die in die USA einwanderten, wollte Schurz kein separatistisches Staatsgebilde deutscher Prägung errichten, sondern identifizierte sich völlig mit seiner neuen Heimat. Seinen Glauben an die demokratische Sendung der USA in der Welt formulierte er so:
»Das echte Amerikanertum wird aus dem besten Gedankentum Europas hervorgehen, aber darüber hinaus noch einen Fortschritt erbringen. Der echte Amerikaner muß ein schöpferischer Weltbürger sein.«
Schurz war sich aber auch seiner zahlreichen Bindungen an Deutschland bewußt; für ihn war der notwendige Amerikanisierungsprozeß nicht identisch mit einer Aufgabe der deutschen Sprache, Denkart und Sitten:
»Wenn wir Deutsch-Amerikaner die besten Züge unseres Charakters, unseres Denkens und unserer Sitten hier gänzlich verschwinden ließen, so würden wir unsere Pflichtbestimmung im Wachstum der großen Sammelnation von dem Gesichtspunkt wahrer Amerikanisierung aus auf beklagenswerte Weise verfehlen.«
Zwar besteht kein direkter Zusammenhang zwischen Carl Schurz, dessen Todestag sich 1976 zum 70. Male jährt, und der Unabhängigkeitswerdung der USA, deren 200jähriges Jubiläum in diesem Jahr begangen wird, aber wie kaum ein anderer prominenter Deutsch-Amerikaner hat Carl Schurz bleibende Spuren in Deutschland und Amerika hinterlassen.
Der Gedanke unter dem Motto "Für Freiheit in Deutschland und Amerika" sowohl der Unabhängigkeitserklärung als auch einer historischen Persönlichkeit, die als Flüchtling in die USA kam und dort Bedeutendes geleistet hat, scheint heute aktueller denn je. Umso erstaunlicher ist es, dass es 2026 keinerlei Gedenken in dieser oder anderer Form an ein für die moderne Demokratie so wichtiges Ereignis geben wird. Das stimmt im Zusammenhang mit der aktuellen Politik des derzeitigen US-amerikanischen Präsidenten sehr nachdenklich.
Um diese Leerstelle zu füllen, habe ich versucht, mit Hilfe
künstlicher Intelligenz einen Briefmarkenentwurf zu erstellen, der
sowohl den maßgeblichen Autor und 3. Präsidenten der USA Thomas
Jefferson würdigt als auch eine Abbildung der ersten deutschsprachigen
Übersetzung (s. o.) enthält. Die Marke wird damit auch zu einer
Gedenkmarke anlässlich des 200. Todestages von Thomas Jefferson, der
übrigens am selben Tag wie sein Freund und 2. Präsident der USA John
Adams starb.
Bei der Arbeit an dem Entwurf musste ich feststellen, dass die KI bei der Einbindung von Originalabbildungen eingeschränkt ist. Der Versuch hat dennoch viel Spaß gemacht und ich sehe hier durchaus Potenzial zur sinnvollen Einbindung künstlicher Intelligenz in den Geschichtsunterricht.
Maik Hager (Dezember 2025)
Bildnachweise
oben: Scan Avers ETB 15/1976, Sammlung Hager
unten: KI-generierter Entwurf einer Briefmarke, Idee Hager/ Umsetzung ChatGPT
